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Dienstag, 31. Januar 2017

{Soziologie - Tschetschenien} Die vergessene Tragödie


Hallo Leute!


Mit Beslan verband ich bisher, dass da irgendwann mal irgendwas passiert ist. Ehrlicherweise hatte ich es sogar irgendwie mit dem Kosovo-Krieg verbunden. Aber die Wahrheit ist eine andere - Erika Fatland holt die Tragödie wieder ans Tageslicht.

Ort der Engel


Daten

Autorin: Erika Fatland
Verlag: btb
ISBN: 344264365
Preis: 9,99€
Taschenbuch, 288 Seiten


Inhalt

Das Schuljahr beginnt in der Schule Nr. 1 von Beslan dramatisch - in der Kleinstadt in der russischen Konfliktprovinz Nordossetien, nicht weit weg von Tschetschenien. Geiselnehmer mit fast unerfüllbaren Forderungen nehmen 1200 Geiseln in der Turnhalle, sie halten hauptsächlich Frauen und Kinder fest. Die meisten Männer werden sofort erschossen. 3 Tage steigert sich die Brutalität, bei mehr als 40°C dürfen die Kinder nichts trinken, müssen eng aneinander gequetscht sitzen. 

Die Gangster wollen mit den Führern der Regionen sprechen, doch die sind nicht bereit dazu. Man will erreichen, dass Russland die Truppen aus Tschetschenien abzieht. Nach 3 Tagen stürmen Spezialeinheiten die Schule. Dabei kommt es zu mehreren Explosionen - 331 Geiseln sterben, die meisten davon sind Kinder.

Die Soziologin Erika Fatland reist 2007 und 2010 nach Beslan - das erste Mal sogar als freiwillige Helferin des Roten Kreuzes. Bodyguards begleiten sie Tag und Nacht, zu viel Angst hat man, dass sie als Druckmittel entführt wird. Sie redet mit den Menschen dort, Menschen, die ihre Kinder verloren haben, aber auch Menschen, die damals dabei waren. Sie erzählen ihr von den Erlebnissen, aber auch davon, wie diese Tragödie den kleinen 35000 Seelenort verändert haben. Sie geht auf den Friedhof, der nur für die Opfer aus der zerstörten Schule angelegt wurde, besucht auch die Schule, in der es damals passiert ist.



Fazit

Ehrlicherweise muss ich sagen - ich hatte mich mit dem Tschetschenienkonflikt bisher noch so gar nicht auseinandergesetzt. Ich wusste, dass da irgendwas mit Unabhängigkeit von Russland ist, über das wahre Ausmaß war mir wenig bekannt. Es liegt einfach gefühlt ohnehin viel zu weit weg, ab und zu hört man mal, dass ein Tschetschene einen Anschlag verübt - weiter ging mein Wissen bisher nicht.

Mit ihrer sozioanthropologischen Untersuchung führt Erika Fatland sehr feinfühlig in das Thema ein, schildert die dramatischen Stunden, wie sie es in ihren Gesprächen erfahren hat - erzählt Schicksale, etwa das der jungen Fotografin, die als erste fliehen konnte oder auch von der Schulleiterin, die immer wieder die verängstigten Kinder zur Ruhe bringen muss, eine unlösbare Aufgabe. Sie erzählt aber auch die Geschichte von einer Mutter, die sich entscheiden musste. Als die Säuglinge und ihre Mütter freigelassen werden, bleibt sie bei ihrer älteren Tochter und stirbt. 

Berührend ist, wie sie über den Friedhof von Beslan geht und sich die Geschichten der Gräber erzählen lässt.

Für mich eine sehr feinfühlige Aufarbeitung einer beinahe vergessene Tragödie mit vielen Opfern, die eigentlich nur in der Schule lernen wollten.

In diesem Sinne

Eure Anke

Dienstag, 20. September 2016

{Russland - Gesellschaft} What you can do for Putin...

Hallo Leute!

Putin polarisiert - nicht nur die Welt, sondern auch sein eigenes Land. Gesamtziel seiner Regierungszeit scheint eins zu sein - Russland wieder zur Weltmacht zu machen. Benjamin Bidder hat das Phänomen untersucht. Er hat junge Leute begleitet, die erst nach dem Zusammenbruch der Weltmacht Sowjetunion geboren wurden. Und dabei hat er das Leben einer ganzen Generation charakterisiert.


Generation Putin

Daten

Autor: Benjamin Bidder
Verlag: DVA
ISBN: 3421047448
Preis: 16,99€
Broschiert, 366 Seiten


Inhalt

Was bewegt die junge Generation in Russland? Was bewegt junge Menschen, die den Kommunismus nicht mehr erlebt haben, die den Zusammenbruch der Weltmacht höchstens als Säugling erlebt haben?

Der Spiegel-Journalist hat ganz unterschiedliche junge Russen begleitet und dabei einen Querschnitt der russischen Gesellschaft geschaffen.

Er lernt einen jungen Mann kennen, der sich selbst als Roofer bezeichnet. Als Freikletterer steigt er weltweit illegal auf die Spitze von Gebäuden, Denkmälern, Krähen - und er nimmt sich dabei auf, verdient mittlerweile sogar sein Geld damit. Doch wenn er länger als 3 Wochen aus Russland weg ist, bekommt er Heimweh.

Er begleitet junge Menschen auf beiden Seiten der Politik - glühende Putin-Anhänger, die sich in Zeltlagern drillen lassen und T-Shirts tragen, in denen gefragt wird, ob sie sich schon zur Front gemeldet haben und bei Mädchen, dass sie bereit seien, zu gebähren. Er besucht aber auch ein junges Mädchen, das für eine Kremlkritische Zeitung schreibt, für die auch die Journalistin Politiskaya geschrieben hat, die ständig Angst um ihr Leben haben muss, trotzdem nichts bereut.

Er besucht auch einen jungen Mann, der in einem Heim für geistig behinderte Menschen lebt und über das Leben dieser Menschen am Rande der Gesellschaft lebt, verborgen vor den normalen Russen.


Fazit

Das Buch liefert spannende Einsichten in das Leben in Russland - was macht Putin so erfolgreich? Wie lebt es sich als Oppositions-Anhänger oder als Behinderter? Bidder hat das ganze Land bereist und dabei ein spannendes Portrait einer zerrissenen Generation geschaffen.

Feinfühlig zeigt er auf, was die jungen Leute bewegt, die irgendwo zwischen dem westlichen Kapitalismus und dem Wunsch, zu einer Weltmacht zu gehören, gefangen sind. Junge Menschen, die aus den Stöckelschuhen schlüpfen, um sich dem Drill eines Zeltlagers auszusetzen. Junge Menschen, die die Gefahr kennen, aber trotzdem von ihren oppositionellen Positionen lossagen möchten.

Besonders bewegt hat mich die Geschichte des jungen Mannes, der irgendwo am Stadtrand von St. Petersburg in einem Behindertenheim lebt und für die Rechte der Behinderten in seiner Stadt kämpft. Bewegt hat es mich deshalb, weil Bidder auch die Geschichte zeigt, dass Frauen, die behinderte Kinder gebaren, vor 20 Jahren noch dazu aufgefordert wurden, ihre Kinder zu verstecken. Er fuhr so lange in die Stadt, bis das Personal in den U-Bahnen St. Petersburgs ihm tatsächlich hilft - unbeirrbar.

Das Buch liefert sehr spannende Einblicke in die russische Gesellschaft und bekommt von mir ganz klare 5 Sterne.

In diesem Sinne

Eure Anke

Donnerstag, 23. Juni 2016

{Kultur - Aussteiger - Sibirien} Die Buchhändlerin und der Bärenjäger

Hallo Leute!

Heute darf ich euch mal wieder eine ganz besondere Lebensgeschichte vorstellen. Es ist die Geschichte von Karin, die ihr Leben in unserer "Zivilisation" aufgab, um mit ihrem Mann Slawa vom Volk der Ewenken in Sibirien zu leben.


Bärenspeck mit Pfeffer
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Daten
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Autorin: Karin Haß
Verlag: Malik - National Geographic
ISBN: 3492406041
Preis: 15€
Taschenbuch, 384 Seiten


Inhalt
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Karin Haß führt ein außergewöhnliches Leben. Eigentlich arbeitete sie als Buchhändlerin in Hamburg. Doch dann veränderte sie ihr Leben - sie ging in die sibirische Taiga, lernte dort Bärenjäger Slawa kennen und lieben und lebt seit dem dort.

In ihrem zweiten Buch nach "Fremde Heimat Sibirien" berichtet Haß von ihrem beeindruckenden Alltag, den sie bewusst so gewählt hat. Sie lebt im kleinen Dörfchen Srednjaja Okjokma.

Sie schreibt viel von der Bärenjagd und ihrem Umgang mit der Kälte nach ihrer Ankunft. Denn in Sibirien richtet sich der Tagesrhythmus und damit auch das Leben stark nach der Natur. Nur wenig kommt von außen in dem Dorf - sehr viel bauen die Dorfbewohner zur Selbstversorgung an oder sie jagen, machen haltbar, wie Karins Mann Slawa. Sowieso sind die beiden ein sehr außergewöhnliches Paar. Als Karin in den Ort kam, wurde sie natürlich erstmal sehr misstrauisch beäugt - was will eine Deutsche Buchhändlerin aus der Großstadt in der Wildnis. Doch die Liebe zu Slawa hat sie trotz anfänglicher Schwierigkeiten dort bleiben lassen. Sie hat gelernt, mit den Widrigkeiten zu leben und kann sich - so scheint es - wohl inzwischen kein Leben in der Großstadt mehr vorstellen.


Fazit
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Fast kann ich Karin verstehen, natürlich übt das Leben in solch einer Wildnis eine gewisse Faszination auf einen aus - und ein bisschen spürt man bei ihren enorm engagierten Erzählstil die Moskitos im Sommer oder die beißende Kälte im Winter. Ein Leben als Aussteiger - ohne WLAN, ohne Handyempfang.

Aber so wildromantisch sich das Leben als Jägersfrau in Sibirien so anhört, gleichzeitig berichtet sie aber auch, wie hart und trist das Leben fernab der Zivilisation dar. Sie berichtet auch von den schlechten Seiten, bei denen ohne Korruption und Wodka manchmal wenig funktioniert.

Ein faszinierender "Insiderbericht" über eine äußerst interessante, weil für uns doch sehr fremde Kultur im fernen Russland.

Von mir gibt es klare 5 Sterne

In diesem Sinne


Eure Anke